Aufbauprojekt Cytra Ambassador 36

(Eigner: Andrea und Bernd Stieler)

I. Die Motivation und Vorgeschichte

Ich habe noch nie ein Boot besessen und besitze auch (noch) keinen Bootsführerschein. Wie kommt man da auf die Idee, sich eine große Cytra Motoryacht zu kaufen und das auch noch in Form eines Restaurationsprojektes?

Da gibt es mehrer Antworten:

1. Ich wohne in der wasserreichsten Stadt von Europa: Berlin (nicht wie man glauben könnte Amsterdam oder Venedig!) und das schreit geradezu nach einem eigenen Boot als Hobby.

Eine tolle Ausfahrt mit dem Boot eines Freundes hat meine Frau und mich in diesen Überlegungen noch bestärkt.

2. Ich suche als erfahrener Heimwerker immer wieder Herausforderungen in Form von Bauprojekten und finde darin einen Ausgleich zu meinem Bürojob. Habe einen alten Mercedes 3 Jahre restauriert und auch mein Eigenheim zu 50% selbst gebaut. Da kann man sein Können und das eigene Durchhaltevermögen gut einschätzen. Auch das notwendige Werkzeug liegt im Keller und ruft nach einem sinnvollen Einsatzzweck. Siehe auch die aktuelle Baumarktwerbung von Hornbach: „Es steckt in Dir – lass es ’raus“

3. Ähnliche Beweggründe, wie die unseres Clubkameraden Herrn Deparade mit seinem Aufbauprojekt Cytra Courier 31 kommen auch bei mir zum tragen: lieber ein altes Boot günstig kaufen und nach eigenen Vorstellungen aufbauen. Hinzu kommt, dass die Eigenleistung nichts kostet und das notwendige Geld erst sukzessive da sein muss. Die 50. bis 80.000 Euro für eine fertige 36 oder 38 Fuß Yacht hätte ich auf einen Schlag nicht gehabt.

4. Viele der angebotenen Cytra’s auf dem Markt sind meines Erachtens „Blender“ und die Preisvorstellungen dementsprechend überzogen. Zu den versteckten Schwächen der Cytra-Boote aber dann später noch ein paar Worte.

II. Der Kauf

Nachdem ich monatelang die Bootsanzeigen nach geeigneten Objekten durchforstet hatte, fand ich bei E-Bay ein interessantes Angebot: „halbfertige Cytra Ambassador mit vielen Teilen“. Standort Cloppenburg. Also ins Auto gesetzt und angesehen. Wie viele Hobby-Restauratoren war auch hier der Verkäufer nach 3 Jahren verzweifelt und gab auf. Kein Geld mehr, keine Zeit, keine Lust mehr und zu wenig Fachwissen.

Er hatte das Boot noch voller Euphorie in 2003 von einem 80-jährigen Mann gekauft und dachte, nach einigen Ausbesserungsarbeiten ist er in der nächsten Saison auf dem Wasser. Sukzessive stieß er u. a. auf völlig verfaulte tragende Teile im Holzaufbau (siehe auch Bilder dazu):

  • unter dem alten Teakdeck war das tragende Sperrholzdeck völlig marode. Die Salonpfosten und Wände waren nur noch in Rudimenten vorhanden etc. Die meisten Schottwände waren durch eine übel riechende 10 cm hohe Brühe in der Bilge ebenfalls verfault und nicht mehr zu retten.
  • Die alten OMC- V8 Benziner-Motoren hatte der alte Mann bereits gegen 2 Mercedes Dieselmotoren Typ OM 617 (88 PS) umgerüstet. Diese waren aber defekt und meinem Verkäufer auch zu schwachbrüstig und bereits vorher einzeln verkauft worden.
  • Einer der alten OMC- 400 Z-Antriebe (Sterndrive) war fest gefressen und bereits teilzerlegt. Der andere sah auch nicht besonders gut aus. Waren aber beide im Angebot dabei.   Leider hatte mein Verkäufer viel zu wenige Bilder von der Demontage gemacht und auch keine Maße und sonstige Anhaltspunkte notiert. Fazit: Ich ersteigerte im November 2005 ein Boots-Kasko ohne Bauanleitung aber mit mehreren Kisten brauchbarer Teile für 7.000 Euro.

Die Rechnung habe ich wie folgt für mich aufgemacht:

Schiffsrumpf / Kasko einer 36 Fuß Yacht  Wert?

2 x Davits Fa. Prasolux Edelstahl neuwertig  NP 1.500 Euro

El. Ankerwinsch 1000 W, Motor neu gewickelt  NP 1.400 Euro

Sterling Marine Power Netzgerät 40 A   NP    900 Euro

Neue Edelstahl Klampen und Relingfüße      ca. 500 Euro

Alte komplette Edelstahlreling   muss restauriert werden

Diverse Lüfter und Pumpen (z. T. neu)      ca. 400 Euro

Bereits eingebaute Druck- u. Duschwasseranlage     ca. 400 Euro

Neues el.- WC, Handwaschbecken, Duschtasse etc.    ca. 300 Euro

2 bereits eingebaute neue V4A-Dieseltanks à 330 l    Klasse !! Wert?

2 bereits eingebaute neue V4A-Fäkalientanks à 150 l Klasse !! Wert?

2 kompl. Sätze VDO Anzeigen und div. Instrumente

Komplette Innen- und Außenbeleuchtung

Bugsprit Edelstahl

Badeplattform Edelstahl

Viele, viele weitere Kleinteile

Ergebnis: Die Teile könnte ich einzeln verkaufen und hätte dann den Rumpf wahrscheinlich fast umsonst. Den Wert der Teilekisten lernte ich allerdings erst viel später nach dem Kauf beim Studium der Zubehörkataloge von Vetus und Co. richtig einzuschätzen.

III. Die Restauration

Nachdem ich für den Schwertransport nach Berlin mit 2x Kranen (auf- und abladen) 1.500 Euro los war, stand das „Häufchen Elend“ dann endlich in meiner angemieteten Bootshalle in Berlin zunächst auf einem geliehenen Trailer. Inzwischen habe ich einen eigenen alten LKW-Trailer erworben und für die Ambassador maßgeschneidert umgeschweißt. Kosten insgesamt: 1.400 Euro.

Das Boot liegt nun waagerecht ohne Spannung auf 4 Punkten am Kiel auf. Eine Grundvoraussetzung für den Aufbau eines oben völlig offenen und damit instabilen Rumpfes.

Wichtig war auch für mich, dass das Boot z. B. zum kranen der Motoren auf einer mobilen Basis aus der Garage zu bewegen ist. Später kann ich den Trailer immer noch als Hafentrailer nutzen oder ggf. verkaufen.

Der sehr kalte Winter 2005/2006 wurde voller Ungeduld, aber trotzdem sinnvoll genutzt:

komplette Sichtung, Listung und Reinigung der vielen Einzelteile

  • Bezugsquellen für Neuteile wurden sondiert
  • Kontakte geknüpft (u.a. zu anderen Cytra-Clubkameraden hier in Berlin)
  • Bau einer komfortablen Gangway (Holztreppe) um auf den Rumpf auch mit schwerem Material auf dem Rücken zu gelangen
  • Vermessung des Bootes und Anfertigung maßstabsgerechter Umbaupläne
  • Großer Schritt dann im Frühjahr: Kauf 2 x gebrauchte Dieselmotoren Volvo-Penta AQD 40A (130 PS, 3,6 l), 2 x gebrauchte Volvo-Penta Duo-Prop 290 A komplett mit neuwertigen Propellern Typ A6, 4-fache Instrumentierung (auch für eine Flybridge),
  • komplette Verkabelung sowie einer VP-Doppelschaltung. Die Motoren konnte ich noch vor dem Ausbau und Kauf im Probelauf in einer Coronet 32 hören. Laufen astrein. Die Z-Antriebe sind komplett überholt. Preis für alles zusammen: 13.000 Euro.
  • Außerdem wurden eine Webasto-Diesel-Standheizung, eine Shipmate Binnenfunkanlage und anderer Kleinteile bei E-Bay „nebenbei“ ersteigert. Nachdem ich nun insgesamt rund 24.000 Euro ausgegeben hatte, ging die Restauration dann im April 2006 richtig los: Entfernen aller restlichen Anbauteile und Kleberreste z. B.  im Bereich der alten Scheuerleiste und der Deck-/Rumpfübergänge (altes Sikaflex ist unheimlich zäh!).
  • Insgesamt wurden ca. 80 Nieten aufgebohrt um die Lukenrahmen und eine völlig verbeulte Stoßleiste am unteren Stringer zu entfernen.
  • Komplettes Überwasserschiff vom alten Lack befreien mit 150 mm Metabo Exenterschleifer und 40/80er Schleifpapier. Das Boot war also schon mindestens einmal (schlecht) lackiert worden. Ein zeitaufwendiger, nerviger und vor allem staubiger Kraftakt! Man glaubt kaum, wie groß so ein Rumpf ist. Spachteln aller Dellen, Löcher und Fehlstellen: Der Rumpf ist damals offensichtlich nicht besonders sorgfältig in der Werft gefertigt worden. Die Nahtstellen der 2 zusammen gefügten Rumpfhälften waren deutlich erkennbar. Dellen am Bug waren scheinbar auch Serienstand in den GFK-Formen.
  • Die Leute, die in den 30 Vorjahren schon einmal den Rumpf geschliffen haben, hatten außerdem deutliche Schleifspuren in den Rundungen der seitlichen Stringer hinterlassen. Für eine geplante Hochglanzlackierung untragbar. Ohne partiellen Handschliff kann man diese Rumpfform nun ’mal nicht riefenfrei schleifen. 2-faches streichen des Überwasserschiffs mit Epoxid-Grundierung von Fa. International. Verstärkung der Spiegelplatte für die Umrüstung auf Diesel-Motoren: da kann ich nur auf die Schilderungen des Clubkameraden Herrn Deparade verweisen: 30 Kg Kunstharz und 20 m² Matte, große Sperrholzplatten, viel Staub und heftiger Gestank. Eine Arbeit für Schnüffler: man ist immer gut d’rauf……  Die Entfernung des Antifoulings am Unterwasserschiff setzt allen Arbeiten noch einmal die Krone auf: eine absolute „Drecksarbeit“. Aber: bei einem so aufwendigen Neuaufbau will ich natürlich sämtlichen Osmosegefahren vorbeugen. Die Entwicklung der Chemie ist heute auf einem deutlich besseren Stand und die gefundenen  Fehlstellen am Unterschiff hätten dem Eindringen des Wassers Vorschub geleistet. Geplant ist eine vielschichtige Epoxid-Grundierung und abschließend ein neues Antifouling. Aktueller Stand der Arbeiten: Aufmass und Bestellung für rund 100 m² Hydro-Sperrholz bei Sommerfeld und Thiele in Mölln sind gemacht. Gesamtkosten (auch ohne GL-Stempel) fast 4.000 Euro. Das wird aber noch nicht die letzte Holzbestellung gewesen sein.                                                                                                                    IV. Planung und weiteres Vorgehen

Meine Zielsetzung für die Erstwasserung nach der Restaurierung ist die Saison 2008. Damit käme das Boot nach insgesamt 8 Jahren erstmals wieder mit dem feuchten Element in Berührung, da es bereits bei den beiden Vorbesitzern einige Jahre im Trockendock war.

Da ich meist nur am Wochenende oder im Urlaub am Boot arbeiten kann, geht es leider nicht so schnell voran, wie ich gerne möchte. Außerdem kann so ein Projekt auch sehr schnell „beziehungsgefährdend“ werden. Eine teure Scheidung würde meinen Kostenplan sicherlich sprengen.

Kostenplanung

Für den Kauf und Ausbau ist ein Etat von insgesamt 40.000 Euro vorgesehen. Bis jetzt liegt noch alles im Soll. Die Gefahr aus dem Kostenruder zu laufen, besteht insbesondere bei den ganzen Kleinigkeiten, die man so benötigt: Schrauben, Werkzeuge, Klebemittel etc. . Das summiert sich auch und ist meist im Vorfeld schwer zu kalkulieren. Die größten noch offenen Posten werden sein:

Lacke und Beschichtungen Ober- und Unterschiff sowie Aufbauten

  • Neue Alufenster im Salon und Fahrstand sowie neue Luke im Vorschiff
  • Umrüstung auf hydraulische Lenkung
  • Aufarbeitung Küchenzeile und Kauf neuer Geräte
  • Warmwasserboiler
  • Möbelbau, Teppich, Bootstapete
  • Polster und Gardinen
  • Bugstrahlruder (wäre schön, passt aber nicht in den Etat)                                           

Umbauplanung

Ich werde das Boot aus verschiedenen persönlichen Gründen nicht originalgetreu aufbauen:

Unsere Anforderungen an den Komfort bedingen einige Änderungen und Ergänzungen wie z.B. den Einbau einer Warm- und Kaltwasser-Druckanlage sowie eines elektrischen WC’s mit Fäkalientank. Auch für das Grauwasser ist ein separater Abwassertank bereits eingebaut.

Eine bereits erstandene Webasto-Warmluftheizung mit 7,5 kW soll für wohlige Wärme im gesamten Boot sorgen. Diese wird im Motorraum auf einer der seitlichen Ablagen montiert.

Die mäßige oder im Original nicht vorhandene Wärmedämmung wird im ganzen Boot optimiert.

Der gesamte Grundriss der Ambassador wird aus praktischen Überlegungen in folgenden Punkten verändert: Trennung Bad und Toilette. Die Toilette wandert in den Kleiderschrank unter dem Salonabgang. Dafür wird die Treppe 50 cm zu Lasten einer entsprechend gekürzten Küchenzeile nach vorne gesetzt. In Konsequenz wird der gesamte Fahrstand um 50 cm weiter nach vorn auf das Salondach gesetzt. Die Stehhöhe im Bad und in der Toilette wird um 5 cm auf ca. 195 cm erhöht (ich bin 190 cm groß). Um dies zu erreichen, werden auf dem Oberdeck Podeste entstehen. Auf der Steuerbordseite wird der Skipperstuhl entsprechend auf diesem Podest montiert.

Die 50 cm Nische zwischen L-Sitzgruppe im Salon und dem Bad wird durch einen Schrank genutzt, der dann einen großen Kühlschrank und ggf. eine Microwelle aufnehmen wird.

Der Verlust des Kleiderschrankes unter der Treppe wird durch Hängeschränke über den Betten in der Eignerkabine kompensiert. Auch zwischen den Betten wird ein größeres Schrankelement den Platzbedarf auffangen.

In der V-Kabine im Bug wird auf beiden Seite eine Ablage eingebaut und ein kleiner Hängeschrank. Somit verkleinert sich die Netto-Schlaffläche nicht. Der Ankerkasten wurde um 10 cm nach oben verlängert und wird somit um diese 10 cm tiefer gehängt. Das Kettenvolumen ist im Original doch sehr knapp bemessen.

Auf dem Oberdeck wird ein Teil der großen Plicht der Ambassador geopfert für einen geschlossenen Fahrstand der praktisch zu einem Salon nach hinten erweitert wird. Die Plicht hat dann noch genau die Größe des Motorraums darunter (ca. 300 x 190 cm). Der Zugang von der Plicht zum oberen Salon erfolgt dann durch eine 4-flüglige Mahagonie-Tür über die ganze Raumbreite. Die Möblierung oben umfasst eine L-Sitzgruppe und ein paar Sideboards.

Der kurze Schenkel der L-Sitzgruppe wird durch eine schwenkbare Rückenlehne sowohl in Fahrtrichtung als auch in entgegen gesetzter Richtung zur Plicht zu nutzen sein.

Die Überlegungen eine Flybridge zu realisieren werden ich wohl beerdigen müssen. Das Boot wird dann einfach zu hoch. Da stehen dann einige Brücken in und um Berlin im Wege und das Fahrverhalten dürfte durch den hohen Schwerpunkt auch leiden. Last but not least dürften die Proportionen in der Seitenansicht nicht mehr passen. Vielleicht wird alternativ das Salondach im Bereich des Fahrstandes durch ein großes Schiebeluk zum öffnen gestaltet. Ich taste mich durch einen sukzessiven Aufbau an diese Frage heran. Vielleicht hat ja jemand Erfahrungen oder einen Tip für mich.

Manch einer wird sich fragen: warum kauft der sich nicht gleich eine Senator 38 oder 40 Fly. Ja das liebe Geld hat mich von dieser Traumversion leider abgehalten.

Schwächen der Ambassador

Zum Abschluß noch ein paar Dinge, die ich bisher so entdeckt habe: Wie schon mein Leidensgenosse mit seiner Courier 31 (Hr. Deparade) ansprach, ist die Verarbeitung der Werft im Detail zum Teil sehr pfuschig. Welligkeiten in der Rumpfform, labile Befestigung der Luken mit den Seitenwandverkleidungen und dadurch Undichtigkeiten. Auch die Rumpfausschnitte für die Luken sind unsauber, so dass einige Schrauben gar keinen Halt im GFK finden. Ich werde die Befestigung optimieren und berichte dann gerne darüber.

Im Grundriss wurde viel Platz verschwendet. Über die riesige Plicht kann man sicherlich streiten. Aber einige Clubkameraden haben hier schon viel Geld für sehr aufwendige Gestaltungen der Persenning ausgegeben, um diesen Raum etwas wetterfester zu gestalten.

Viele Cytra-Boote sind undicht, da das Teakdeck im laufe der Jahre durch Bewegungen der tragenden Sperrholzschichten darunter gerissen ist. Diese Undichtigkeiten führen dann zu einem versteckten Fäulnisprozess. Daher auch mein eingangs verwendeter Begriff „Blender“

auf dem Markt. Hier hätte die eine oder andere Spante in der Unterkonstruktion eine Durchbiegung verhindern können und mehr Stabilität gegeben. Ich werde jedenfalls noch eine Spante im Vordeck und 2 im Motorraum zusätzlich einziehen.

 Ja, ansonsten sagen die Bilder wahrscheinlich mehr als meine vielen Worte. Ich hoffe, ich habe niemanden mit diesem Bericht gelangweilt und halte die Clubmitglieder gerne weiter auf dem Laufenden. Auf Nachfrage gebe ich auch gerne nähere Infos zu einzelnen Arbeitsschritten und meinen gemachten Erfahrungen.

 

Viele Grüße aus Berlin

Andrea und Bernd Stieler